Flipped classroom

Ein neues Konzept für Lehrveranstaltungen: Inverted/ Flipped Classroom

Seit dem Wintersemester 2014/2015 erprobe ich das Flipped Classroom – Konzept in meinem Statistikkurs.

ICM steht für Inverted Classroom Model oder zu Deutsch Modell des umgedrehten oder invertierten Unterrichts und bezeichnet Unterricht oder Seminare, welche die Selbstlernphase und Präsenzphase im Kurs vertauschen bzw. verlagern. In der ersten Phase unterstützen digitale Materialien selbstgesteuerte Lernprozesse, in der zweiten Phase – der nachfolgenden Präsenzphase – bedarf es der Anwendung von unterschiedlichen Methoden, die aktivierende Elemente enthalten (Handke 2012, S. 39; Spannagel 2012b, S. 79) . Mit den Worten von Bergmann und Sams (2012a) ausgedrückt: “Flipped learning is when educators actively transfer the responsibility and ownership of learning to their students. It happens when the teacher’s lecture is delivered to students via video outside of the classroom. Then traditional class time is used for active problem solving and one-to-one or small group tutoring with the teacher. The flipped class allows teachers to have more face-to-face time with students, fosters real differentiated or personalized learning, challenges students to take responsibility for their learning, and allows students to master material at their own pace.”

Für die Umsetzung des ICM, erstmals ab dem Wintersemester 2014/15, war die festgelegte curriculare Struktur zu beachten: Die Veranstaltung umfasst 4 SWS, daneben sollen die Studierenden 120 Stunden zur Vor-und Nachbereitung und 120 Stunden zur Vorbereitung auf die Abschlussklausur aufwenden. Die für die Selbstlernphase festgelegten 120 Stundenwerden werden nunmehr für das Ansehen von Videos und Materialien zur Vorbereitung und Nachbereitung veranschlagt. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich der dafür ursprünglich angesetzte Zeitaufwand, ca. 9 Stunden[1] pro Woche stark reduziert. Das regelmäßigen schauen der Videos und bearbeiten von Übungsaufgaben sollte weniger Zeit in Anspruch nehmen, als das Nachbereiten von Vorlesungen.

Für die erste Phase wurden überwiegend eigene Videos gedreht, aber auch ca. vier inhaltlich geeignete YouTube-Videos überarbeitet. Pro Woche soll in der Regel ein Video mit einer Durchschnittslänge von 30 Minuten für die Seminarteilnehmer zur Verfügung stehen. Diese sind auf der Lernpattform Olat abrufbar und für die jeweilige Präsenzsitzung vorzubereiten.

Ein ausführlicher Kommentar im LSF und ein Link zur Lernplattform des Kurses weist die Studierenden auf die neue Lehrmethode hin. Die Lernplattform stellt einen wichtigen Bestanteil im Konzept der neuen Veranstaltung dar, alle wichtigen Informationen stehen dort allen Teilnehmern zur Verfügung: Ein Skript mit allen PowerPoint-Folien der Videos, Übungsaufgaben, die in der Präsenzsitzung besprochen werden und Übungsaufgaben zu den Tutorien. Zusätzlich gibt es zu jedem Video extra Übungsaufgaben und es stehen weitere Übungsaufgaben nach Themen und als Selbsttests im multiple Choice Format bereit . In der Einführungsveranstaltung zu Semesterbeginn werden Lehrziele, Inhalt und Ablauf der Veranstaltung, Prüfungsleistungen etc. sowie die Einbettung der Statistik in den Forschungsprozess besprochen und erste Seminarinhalte als grundlegende Einführung in das Stoffgebiet erläutert. In der nachfolgenden Woche müssen sich die Studierenden mittels des ersten Videos auf die erste Plenarsitzung vorbereiten.

In der anschließenden Präsenzphase treffen sich die Studierenden im Seminarsaal als Plenum mit dem Dozenten und können Fragen zu den Videos stellen sowie gemeinsam Übungen erarbeiten und diskutieren. Weiterhin werden Aufgaben in Gruppenarbeit gelöst und dann gemeinsam besprochen. Daneben wird das „aktive Plenum“ implementieret: Diese Methode wurde schon erfolgreich in anderen Kursen eingesetzt. Um die Heterogenität der Studierenden abzufangen und sie zur Diskussion anzuregen, ist geplant, zu Beginn der jeweiligen Präsenzsitzung inhaltliche Fragen zu den Videos an der Tafel zu notieren und sie von den Seminarteilnehmern beantworten zu lassen. Bei Bedarf werden falsche Antworten oder Lösungen korrigiert und Inhalte noch einmal erläutert.[2]

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Für abwesende Studierende und zur Wiederholung der Inhalte der Präsenzphase wird jede Sitzung aufgezeichnet und steht etwa eine Woche später auf der Lernplattform bereit. In weiteren Sitzungen wird die Anwendung des Erlernten in kleinen Forschungsprojekten (Sekundärdatenanalyse) am PC geübt und als freiwilliges Angebot stehen Tutoren zur Verfügung, die bei der Projektarbeit und bei inhaltlichen Aspekten behilflich sind. Besonders die Anwendung des Erlernten und Üben haben einen besonderen Stellenwert beim Lernprozess, dadurch lassen sich höhere Stufen auf der Bloomschen Taxonomie erreichen. [3]

Zusätzlich zu den Videos stehen auf der Lernplattform Olat Literatur, Links zu Lexika, Lehr- und Lernsystemen und Übungsaufgaben mit Musterlösungen zur freiwilligen Bearbeitung zur Verfügung. Ein Tutor sammelt Fragen zur Veranstaltung bzw. den Lehrvideos, die dann per Mail oder im Seminar besprochen werden. Zusammenfassend gesagt, finden hierbei vielfältige Methoden für unterschiedliche Lerntypen Anwendung.

Anmerkungen:

[1] 120 Stunden sollen in etwa 13 Wochen erbracht werden, das entspricht etwa 9 Stunden pro Woche.

[2] Allerdings wird dabei nicht noch einmal der gesamte Stoff der Videos besprochen.

[3] Nach Bales (1996, zitiert (Wildt 2009)) hat praktisches Üben eine Lerneffektivität von 75 %  ̶ nur Selbsterarbeiten (z. B.: eigene Forschungsprojekte durchführen) führt zu einer höheren Effektivität (80 %). Übungen sollten deshalb gerade im Bereich der Forschungsmethoden und Statistik einen zentralen Stellenwert einnehmen (Borneleit 2013, S. 156 ff.; Weigand 2013, S. 7 ff.).

Unter folgenden Links sind mehr Informationen von anderen Dozenten darüber zu finden

http://wikis.zum.de/zum/Benutzer:Cspannagel/Die_umgedrehte_Mathematikvorlesung

http://jonbergmann.com/about-m/

http://flippedlearning.org/site/default.aspx?PageID=1

http://danielvspencer.org/flipclass/flipresources/index.html

http://psymet03.sowi.uni-mainz.de/joomla/index.php/component/contact/contact/1-dr-malte-persike

Hier ein tolles Video von Prof. Handke